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Santorini

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  • Beitrags-Kategorie:Motorradreise

„Tauchen ist wie Meditieren.“ höre ich Olli in meinen Gedanken sagen. Und heute ist so ein Tag, an dem ich ihm da vollkommen Recht gebe. Wir sind mit einer erfahrenen Kundin unterwegs und ich bin eigentlich überflüssig. Ich muss nicht führen und kann mich die meiste Zeit einfach hinterher treiben lassen. Ich lausche den Geräuschen meines Atemregulators und drehe mich auf den Rücken. Ich sehe, wie in regelmäßigen Abständen Blubberblasen empor an die Wasseroberfläche steigen. Einen Moment schwimme ich in dieser Position weiter und spüre, wie das Wasser bei jedem meiner Beinschläge meine Haare durchkämmt. Als ich mich wieder umdrehe, sehe ich auf dem Meeresboden das Sonnenlicht in Regenbogenfarben tanzen. Dadurch, dass ich den Tauchspot nicht kenne, kann ich mich noch viel mehr treiben lassen. Die anderen Plätze sind mir bekannt und ich darf dort ab und zu selber führen, weshalb ich immer weiß, wo wir sind, wann wir umkehren und an welchen Stellen man besondere Acht auf unerfahrene Taucher geben muss. Hier bin ich aber zum ersten Mal und genieße diese Ungewissheit.

Wir sind jetzt schon seit 3 Monaten auf Santorini, aber als wir im August ankamen, war noch alles ganz neu für uns. Wir hatten gerade einmal 5 Tauchgänge und unseren Open Water Kurs absolviert. Was ein Divemaster ist und wie man das wird, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Uns hatte einfach die Idee gefallen, auf unserer Reise ein bisschen mehr Taucherfahrung sammeln zu können und dieses Praktikum erschien uns als die perfekte Möglichkeit dafür. Wir haben uns sonnige Tage mit gutem Essen und ein paar Tauchgängen ausgemalt, aber dass die Zeit auf Santorini so intensiv wird, hätten wir nicht gedacht.

Um acht Uhr morgens fängt die Arbeit jeden Morgen im Tauchshop an. Dort wischen wir den Boden, befreien die Terrasse von Sand und bringen den Müll weg. Danach bereiten wir für die ersten Tauchgänge das Equipment vor und packen die Autos. Die eintrudelnden Kunden werden von uns begrüßt, eingekleidet und gebrieft. Gefolgt davon wechseln sich Tauchgänge mit dem Waschen von Equipment und Füllen von Tanks ab. Nach dem letzten Tauchgang des Tages wird das restliche Equipment ebenfalls gewaschen und alle Tanks aufgefüllt. Zwischendrin ist Zeit für einen Donut und eine Cola vom Supermarkt. Während das Equipment trocknet, besprechen wir den nächsten Tag und legen fest, welche Divemaster mit welchem Tauchlehrer mitgehen und ob man Zeit für Übungen oder Prüfungen für den Divemaster Kurs hat. Abends um acht werden die trockenen Sachen reingebracht und die Tauchschule abgeschlossen. Dann geht es auf Essenssuche, denn nach einem langen Tag, mit vielen Tauchgängen und wenig Pausen, hat man einen Bärenhunger. Wir hauen uns den Bauch also mit Gyros, Pitabrot und Zaziki voll und verschwinden danach alle in unseren Zimmern. Olli und ich sitzen jeden Abend noch so lange es geht vor unseren Büchern und pauken, denn bevor wir überhaupt mit dem Divemaster starten konnten, mussten wir den Advanced Open Water und Rescue Diver machen. Nach ein paar Stunden ist jedoch Schluss und die Augen fallen uns zu. Das ist unser Alltag in unserem Divemaster Praktikum, denn Wochenenden gibt es nicht und einen freien Tag bekommt man meist nur, wenn das Wetter keine Tauchgänge zulässt.

An diese Struktur und daran, dass man wieder ganz unten anfängt, als kleiner unwissender Praktikant, mussten wir uns erst einmal gewöhnen. Doch nach einiger Zeit hatten wir uns gut eingelebt. Die Arbeitsabläufe gingen uns immer leichter von der Hand und sogar die gefürchteten Briefings wurden zur Routine. Anfangs fühlten wir uns wieder wie Schüler, die ein Referat vortragen mussten. Und dann auch noch auf Englisch! Heute sprechen wir frei und merken, wenn bei den Kunden Fragen oder Unsicherheiten aufkommen.

Ein bisschen Griechisch haben wir auch schon gelernt, denn in einem Minimarkt neben der Tauchschule bekommen wir jeden Tag eine kleine Lektion von der Kassiererin. Dadurch, dass wir hier wohnen und arbeiten, werden wir von der Gemeinschaft auf der Insel ganz anders aufgenommen. Mit den Verkäufern in unseren liebsten Läden kommen wir ins Gespräch und werden sogar zu Partys oder auf einen Kaffee eingeladen. Wir finden Anschluss und beginnen diese Insel und deren Bewohner zu lieben.

Auch unsere Kollegen sind uns ans Herz gewachsen. Wenn wir abends alle zusammen grillen oder Essen gehen, fühlt es sich wie eine kleine Familie an. Es ist total spannend zu erfahren, wie sie leben und arbeiten. Die meisten haben kein festes zu Hause und reisen von Ort zu Ort, immer der Sonne hinterher. Im Sommer am Mittelmeer und im Winter in Asien oder im Heimatland die Familie besuchen. Der Alltag voller Action und wechselnder Gesichter. Sie alle kommen mir so abenteuerlustig, offen und voller Energie vor, aber bei vielen macht sich nach all den Jahren Abendteuer auch der Wunsch nach etwas Festem breit. Ankommen, ausruhen und einen geregelten Alltag und Einkommen haben. Auch wir merken schon nach den wenigen Monaten, wie anstrengend es sein kann, auf Achse zu sein. Wir vermissen unsere Freunde und Familien, eine eigene Wohnung und eine richtige Routine.

Jetzt sind wir schon fast am Ende unseres Divemaster Praktikums und müssen uns entscheiden, wie es danach weiter gehen soll. Ursprünglich war geplant, dass ich mein Motorrad mit dem Getriebeschaden auf Santorini repariere. Aufgrund der zeit- und kraftaufwendigen Ausbildung, haben wir die wenigen freien Tage jedoch fürs Lernen oder auch einfach zum Ausruhen genutzt. Zudem sind jetzt, Anfang November die meisten Fährverbindungen in die Türkei gestoppt, da die Saison vorbei ist. Und wie sollen wir überhaupt nach der Türkei weiterfahren? Geplant war es, durch den Iran weiter nach Saudi-Arabien zu fahren, jedoch hat sich die Lage im Iran gewandelt und das auswertige Amt rät von einer Einreise ab. In den sozialen Medien verfolge ich einen Schweizer, der vor Kurzem eine ähnliche Route nach Saudi-Arabien gefahren ist und anstelle des Irans den Irak durchgequert hat. Also durch den Irak und vorher irgendwie den Motor ausbauen und zerlegen? Oder sollen wir umkehren und nach Hause fahren?

Erkundungstour

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