Nun sitze ich hier, kurz hinter Prag, an unserem dritten Reisetag, auf dem Boden einer Tankstelle, neben meinem Motorrad. Olli sitzt neben mir und trocknet meine Tränen. Müssen wir tatsächlich jetzt schon, nach drei Tagen wieder umkehren?
Ich habe schon am ersten Tag unserer Reise ein Hacken beim Schalten bemerkt, habe es jedoch meinen neuen Endurostiefel in die Schuhe geschoben. „Ich muss mich halt noch an das Schalten mit ihnen gewöhnen.“ habe ich gedacht. Auf dem Weg nach Berlin, unserem Ziel des ersten Tages, wurde das Problem jedoch immer prägnanter. Ich konnte alle Gänge sauber schalten, nur der 2. Gang hackte. In meinem Kopf habe ich mir alle möglichen Ausreden dafür gesucht und das Problem so gut es ging einfach ignoriert.
Am nächsten Tag ist Olli das Motorrad Probe gefahren, konnte jedoch nichts feststellen. Den restlichen Tag haben wir dann bei meiner Oma im Garten genossen, eine kleine Bootstour gemacht und uns ausgeruht.
Heute sind wir dann aber wieder auf die Motorräder gesprungen. Unser Ziel ist die Slowakei, wo wir Ollis Großeltern besuchen wollen. Schon nach 20 Minuten Fahrzeit haben wir das erste Mal Halt gemacht. Eigentlich wollten wir nur Tanken, jedoch mussten wir dafür von der Autobahn runter und durch ein paar Orte fahren. Schon bei der ersten Kreuzung konnte ich nicht mehr in den 2. Gang schalten. Hinter mir reihten sich allmählich die Autos, während ich im ersten Gang voran schlich. Nach mehreren Versuchen und mit der Begleitung von hupenden Autos hinter mir, schaffte ich es endlich den 2. Gang zu schalten. Kurz danach sah ich, wie Olli vor mir an die nächste Kreuzung fuhr. Das ganze Spiel also nochmal von vorne. So ging es weiter, bis wir endlich die rettende Tankstelle erreichten. Ich war schon völlig mit den Nerven am Ende, wollte das alles aber noch nicht wahrhaben. Nachdem wir getankt, einen Kaffee getrunken und gegoogelt haben, was man bei diesem Problem machen kann, probierten wir alles Mögliche aus. Nach ein paar vorsichtigen Klopfern mit dem Hammer auf die Schaltwelle, konnte ich bei meiner Probefahrt wieder sauber in den 2. Gang schalten. Ich sagte mir, dass bestimmt nur etwas verklemmt war und jetzt aber wieder alles in die richtige Position gerutscht sein muss. Wir fuhren also wieder auf die Autobahn.
Hinter Prag führte uns das Navi dann über Landstraßen und Dörfer, was zu einer Zerreißprobe für mich wurde. Auf der Autobahn konnte ich mir noch gut einreden, dass jetzt alles wieder in Ordnung sei, aber beim ersten Anhalten ging das Spiel wieder von vorne los. Bei jeder Ampel betete ich, dass ich nicht anhalten musste. Wenn es jedoch unvermeidbar wurde, versuchte ich so nah wie möglich am rechten Fahrbahnrand zu fahren, sodass mich die Autos hinter mir überholen konnten, während ich nach dem 2. Gang suchte. Wir kamen nur schleppend voran und auch die Hammerschläge brachten nichts mehr. Gegen Mittag fuhren wir dann die Tankstelle an, vor der wir nun sitzen.
Ich weiß, dass das Kommando bei mir liegt. Wenn ich entscheide, dass wir nach Hause fahren, müssten wir unsere Motorräder stehen lassen und mit dem Flugzeug weiter, um das Praktikum auf Santorini antreten zu können. Weiterzufahren würde bedeuten, dass ich einiges an Zeit damit verbringen würde, mit meinen Gängen zu kämpfen. Würde ich es überhaupt soweit schaffen oder mache ich durchs Weiterfahren womöglich noch mehr kaputt? Könnte ich mein Motorrad auf Santorini reparieren, wenn wir es bis dahin schaffen?
Zwischen all den Überlegungen suhle ich mich in Selbstmitleid. Am dritten Tag der Reise, welcher ich seit Jahren entgegenfiebre, frage ich mich, ob ich jetzt schon umdrehen muss. Das kann doch nicht sein! Ich wollte zwar genau solch eine Reise, bei der man Höhen und Tiefen erlebt, aber ich wollte doch nicht schon am dritten Tag einen Getriebeschaden haben!
Ich bin mir aber sicher, dass ich es bereuen würde jetzt schon umzudrehen und präsentiere Olli endlich meine Entscheidung. „Ich will weiterfahren und wenn es schief geht, holt der ADAC halt das Motorrad ab und dann können wir immer noch mit dem Flugzeug weiterfliegen.“ Wir fahren also weiter und bemühen uns so viel wie möglich auf den Autobahnen zu bleiben, um unnötiges Anhalten zu verhindern. Spät abends kommen wir endlich bei Ollis Großeltern an und fallen erschöpft ins Bett.
Anders als geplant, bleiben wir einen Tag, um uns auszuruhen. Ollis Oma zeigt uns, wie man Buchta macht und abends sitzen wir mit dem Rest der Familie zusammen. Es ist das erste Mal für mich auf dieser Reise, dass ich mich mit Händen und Füßen verständigen muss und neue Gerichte kennen lerne. Wir genießen die Zeit sehr und tanken neuen Mut.
Am nächsten Tag geht es dann weiter nach Zagreb. Wir fahren durch Österreich und genießen die schöne Aussicht und die kurvigen Straßen. Wie lange es wohl dauern wird, bis wir wieder die deutsche Sprache auf Straßenschildern sehen werden. Nach einer kurzen Stecke durch Slowenien, erreichen wir Kroatien und sind auch schon fast am Ziel. Das Navi führt uns durch die Stadt Zagreb und ich werde immer besser darin, den 2. Gang zu finden und mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen. In unserer Unterkunft duschen wir und ziehen die stinkenden Sachen aus. Je südlicher wir kommen, desto heißer wird es. Tagsüber ist es 40˙C und wir schwitzen uns in unseren dicken Klamotten und Stiefeln selbst auf der Autobahn zu Tode. Die Stiefel können wir in der Öffentlichkeit gar nicht mehr ausziehen, da wir sonst wahrscheinlich überall hochkant rausfliegen würden.
Am darauffolgenden Tag ziehen wir unsere stinkenden Sachen jedoch wieder an und fahren weiter nach Belgrad in Serbien. Diesmal kommen wir sogar noch im Hellen an, können unsere Sachen in einer Badewanne waschen und finden ein tolles Restaurant. Der Kellner kann zwar kein Englisch, aber einen großen Fleischteller und einen Salat bekommen wir bestellt. Neben uns am Tisch sitzt eine Großfamilie, die wir schon im Hotel getroffen haben und zufälliger Weise auch deutsch spricht. Sie bestellen das gleiche wie wir und wir kommen ins Gespräch. Sie erzählen uns, dass sie auf dem Weg nach Bosnien sind, um dort Familie zu besuchen und wir erzählen von unseren Plänen. Eine Frau am Tisch kommt aus Nordmazedonien und legt uns ans Herz dort durchzufahren, anstatt durch Bulgarien. Sie schwärmt so sehr von ihrem Land, dass wir unsere Pläne tatsächlich umwerfen.
Es geht also weiter nach Gevgelija in Nordmazedonien. Wir haben ein bisschen Bange vor der Grenzüberfahrt, aber genau wie nach Serbien, geht alles glatt. Es ist zwar sehr nervig bei den Temperaturen und prallem Sonnenschein draußen in der Schlange auf einem heißen Motor zu sitzen, aber es hat sich allemal gelohnt. Hinter jeder Kurve zeigt sich das Land von einer noch schöneren Seite. Die Straßen führen uns dauerhaft durch Berge und die Natur ist so atemberaubend und noch so unberührt, dass man sein Blick kaum auf der Straße halten kann. An der Unterkunft angekommen, stellen wir unsere Motorräder dann unter den ersten Palmen, die wir auf der Reise sehen, ab. Ich bin sehr froh, dass wir dem Rat der Dame gefolgt sind und sehen durften, wie schön und vielfältig dieses Land ist.
Gevgelija liegt nahe an Griechenland, weshalb wir schon vor der großen Hitze das Warten an der Grenze überstehen. In Griechenland erleben wir dann den ersten Kulturschock. Die Griechen machen ihre eigenen Regeln beim Fahren und so wird aus einer einspurigen Fahrbahn plötzlich eine zweispurige mit zweispurigem Gegenverkehr. Wir gewöhnen uns jedoch schnell an die neue Fahrweise und kommen gut voran. Wenn nur diese vielen Mautstationen nicht wären. Ständig müssen wir anhalten und in Summe auch wirklich viel Geld bezahlen. Aber wir schaffen es und fallen müde in unsere Betten in Athen. Den nächsten Tag nutzen wir, um Athen zu erkunden. Wir besichtigen die Akropolis und fressen uns durch die Stadt. Am Ende des Tages haben wir einen fiesen Sonnenbrand und volle Bäuche. Wir können es noch nicht ganz fassen, dass wir es wirklich soweit geschafft haben und fiebern der Fähre nach Santorini am nächsten Tag entgegen. Was uns wohl erwarten wird?
